PHILOSOPHIE

PHILOSOPHIE

An sich selbst arbeiten

Er rackert sich jeden Tag im Büro ab, aber kommt nicht voran. Schuld sind immer die anderen. Die machen alles falsch. Er muss es ausbaden und die werden auch noch befördert. Frau und Kinder nerven zu Hause. Er hat das Leben satt und tut alles dafür, damit es den anderen auch so geht. Er gibt sich und die anderen auf.

Er ist erfolgreich und hat Geld. Er ist immer in Action, immer auf dem Laufenden, spekuliert an der Börse. Designeranzug vom Feinsten. Auto: das neueste Modell. Frau: das schönste Model der Stadt. Er wird älter und fühlt sich leer. Er spürt, dass ihm etwas fehlt. Der Körper macht nicht mehr mit, der Geist folgt.

Diese beiden Extrembeispiele könnten natürlich auch Frauen sein. Beide haben immer viel gearbeitet, aber nicht an sich selbst. Die Kampfkunst bietet uns hervorragende Möglichkeiten zur Weiterentwicklung – um Dinge in, an und um uns zu erkennen, die uns bisher verborgen blieben. Ein Schüler schrieb mir:

„Ich pflege eine sitzende Tätigkeit und bin hektisch, ruhelos und schnell gelangweilt. Ständig bin ich auf der Suche nach Abenteuern. Ich hatte keine klare Vorstellung von mir selbst und von meinem beruflichen Weg. Schlimmer noch. Ich war ängstlich, von Autoritäten leicht einzuschüchtern, unsicher und aggressiv, um meine Unsicherheit zu kaschieren.

Weil ich den Erfolg einiger meiner Freunde neidete bestand meine ‚mündliche‘ Technik häufig darin, sie zu piesacken, bis irgend etwas zitierfähiges dabei raus sprang, das ich gegen sie verwenden konnte.

Von Ideen wie Bewußtwerdung, Selbstkontrolle und erweiterter Wahrnehmung hatte ich damals noch nichts gehört. Erst in jüngster Zeit bin ich zu einer Einsicht über die Beziehung zwischen körperlicher Aktivität und persönlichem oder spirituellem Wachstum gelangt.“

„Lieber Sifu, du sagtest zu mir: ‚Ich werde dir meine Kunst nicht vorführen, ich werde sie mit dir teilen. Wenn ich sie dir zeige, wird sie zur oberflächlichen Show und nach und nach so weit in dein Hinterkopf verbannt, dass sie nutzlos verlorengeht. Jedoch wenn ich sie mit dir teile, wird sie nicht nur für immer dein eigen, sondern auch ich mache Fortschritte.‘

Schon bald erkannte ich, dass die Idee, auch der Lehrer lerne von den Lektionen, von grundlegender Bedeutung für den Unterricht ist. Vielleicht ist das auch der Grund dafür, dass man den Raum, in dem WingTsun gelehrt wird, traditionell auch den ‚Ort der Erleuchtung‘ nennt. Ein kleines Universum, in dem wir Kontakt mit uns selbst aufnehmen können. Kontakt mit unserer Furcht, unseren Ängsten, Reaktionsweisen und Gewohnheiten. Dies ist keine Arena begrenzter Konflikte, in der wir uns einem Gegner stellen, der eigentlich kein Gegner ist. Er ist vielmehr ein Partner, der uns dabei helfen kann, uns selbst besser zu verstehen. Bei dir ist es ein Ort, wo wir in kurzer Zeit sehr viel darüber lernen können, wer wir sind und wie wir uns in der Welt verhalten.

Die Konflikte im Training, helfen uns dabei, die Konflikte draußen im Leben zu bewältigen. Die totale Konzentration und Disziplin, die nötig sind, um WT zu studieren, übertragen sich auf den Alltag, auf unser tägliches Leben. Die Aktivitäten fordern uns heraus, ständig Neues auszuprobieren, deshalb ist sie auch die Quelle des Lernens, eine Quelle der Selbsterleuchtung.“